Bleiben Sie informiert! Hier finden Sie die neuesten Meldungen und Nachrichten unserer Hochschule.

Ein Blick hinter die Kulissen der Grün-Weißen-Kooperation

Interview

Was passiert, wenn Landwirtschaft auf soziale Arbeit trifft? Und wie sieht der Alltag derjenigen aus, die diese Brücke bauen? Um einen Einblick in die Beratungspraxis zu geben, hat sich das der Grün-Weißen-Kooperation selbst interviewt. Ein intensiver Austausch über Erfahrungen, bürokratische Hürden, emotionale Höhepunkte und die Vision für unsere Region. 

Soziale Landwirtschaft (SLW) für ältere Menschen verknüpft landwirtschaftliche Tätigkeit mit sozialen Dienstleistungen und bietet Höfen die Chance zur wirtschaftlichen Diversifizierung sowie zur Erhaltung ihrer Strukturen durch die Umnutzung leerstehender Gebäude. Im Projekt liegt der Fokus besonders auf Angeboten für ältere Menschen (z. B. Tagespflege oder stundenweise Betreuung auf dem Hof), um die soziale Infrastruktur im ländlichen Raum zu stärken. Für Senior*innen schafft dieser Ansatz einen wertschätzenden Ort in der Natur, an dem sie durch Tierkontakt, sinnstiftende Tätigkeiten und intergenerative Begegnungen vom bloßen Hilfeempfänger*innen zum aktiven Mitgestaltenden ihres Alltags werden.

Der Einstieg in die Soziale Landwirtschaft ist kein Selbstläufer. Wer als landwirtschaftlicher Betrieb neue Wege gehen möchte, steht oft vor einem Berg aus Fragen. Warum der persönliche Austausch den entscheidenden Unterschied macht, erklärt das Team zum Auftakt unseres Gesprächs:

Hand aufs Herz – wieso braucht es in Eurem Projektfeld eine persönliche Beratung? Warum reicht eine gut gestaltete Informationsbroschüre oft nicht aus, um soziale Projekte auf Höfen zu starten?

Susanne: Beratung ist in der Sozialen Landwirtschaft unerlässlich, um die komplexen bürokratischen und finanziellen Hürden an der Schnittstelle von Agrar- und Sozialwirtschaft erfolgreich zu bewältigen. Sie unterstützt zudem den Aufbau notwendiger multiprofessioneller Kooperationen zwischen Landwirt*innen und sozialen Trägern, damit spezialisierte Dienstleistungen wie die Tagespflege fachgerecht und rechtssicher umgesetzt werden können. Schließlich ermöglicht eine professionelle Begleitung die Entwicklung passgenauer und partizipativer Angebote, welche regionale Versorgungslücken schließen, und die spezifischen Bedürfnisse älterer Menschen gezielt berücksichtigen.

Mareike: Die Landwirt*innen stecken oft in ihrem jahreszeitlichen Kreislauf, familiären und / oder wirtschaftlichen Zwängen, die scheinbar keinen Platz für Diversifizierungsmöglichkeiten lassen. Ein beratender Blick von außen hilft meist schon, auch mit kleinen Schritten in Richtung soziale Landwirtschaft zu beginnen und Raum für Perspektiven zu öffnen.

Monika: Allein mit einer Informationsbroschüre oder Hinweisen, wo man im Internet Informationen finden kann, ist den Interessenten kaum gedient, da es zu viel Zeit braucht, sich in den vielen Angeboten, die für die eigenen Ideen benötigten Informationen herauszufiltern. Genau da setzt unser Beratungsangebot an.

Wie genau sieht eine Beratung bei Euch aus? Wie läuft der Erstkontakt ab und wie werden die Höfe unter die Lupe genommen?

Monika: Unsere Beratungen erfolgen zumeist nach einem strukturierten Ablauf. Wir gehen gemeinsam mit den Landwirt*innen über den Hof, erfragen dabei Details zum Hof und zu den Vorstellungen oder auch Visionen der Interessenten. Der eine oder andere Vorschlag für mögliche Angebote ergibt sich häufig aus der Hofstruktur, dem vorhandenen Gebäude- und oder Tierbestand. Anschließend erfolgt in der Regel eine Vertiefung der Beratungsinhalte, vor allem mit Fokus auf die bau- und sozialrechtlichen Rahmenbedingungen für verschiedene Angebotsoptionen, nicht zuletzt natürlich zu den finanziellen Möglichkeiten und evtl. Fördermitteln. Aus den Gesprächen resultieren für uns neue Erkenntnisse, welche wir in unsere strukturierten Beratungsmaterialien einfließen lassen können. 

Aktuelles aus dem Projekt: Das Team arbeitet momentan an ganz neuen, strukturierten Beratungsmappen für die verschiedenen Angebote der Sozialen Landwirtschaft mit älteren Menschen. Sobald diese verfügbar sind, informieren wir Sie in unserem Newsletter.

Wenn man Euch zuhört, merkt man, dass viel Herzblut im Spiel ist. Was unterscheidet Eure Arbeit von einer „klassischen“ Agrarberatung und wie erlebt Ihr die Offenheit für soziale Themen, zum Beispiel für Angebote für ältere Menschen?

Susanne: Im Unterschied zur herkömmlichen Agrarberatung ermöglicht unsere Arbeit die Integration sozialer Innovationen in den Betrieb. Das schafft gerade in unserer Region und im strukturschwachen Raum völlig neue strategische Optionen für die Hofnachfolge und trägt maßgeblich dazu bei, landwirtschaftliche Einheiten und die Lebensqualität vor Ort zu erhalten.

Monika: Jede Beratung vor Ort hat unterschiedliche Facetten – bedingt durch die Besonderheiten der jeweiligen Höfe und die spannenden Ideen und Vorstellungen der an den sozialen Projekten interessierten Landwirt*innen und deren Familien. Die verschiedenen Möglichkeiten Sozialer Landwirtschaft sind für alle Beteiligten innovativ und herausfordernd. Unsere fachkundige, uns unterstützende Beraterin Maria Nielsen aus Schleswig-Holstein verfügt über eine langjährige Erfahrung mit Projekten der Sozialen Landwirtschaft in anderen Bundesländern. Eine wichtige Empfehlung von ihr ist dabei immer: Klein anfangen – zum Beispiel mit Angeboten stundenweiser Betreuung für Senior*innen auf dem Hof, darauf aufbauend dann die weiteren Ideen entwickeln und vorantreiben.

Was macht Euch am meisten Spaß im Projekt? Gibt es einen bestimmten Moment, ein tolles Feedback oder ein Erlebnis auf einem Hof, das im Gedächtnis geblieben ist?

Susanne: Im Projekt bereitet der persönliche Kontakt zu den an Sozialer Landwirtschaft interessierten Menschen und das Eintauchen in ihre individuellen Hofgeschichten große Freude, da man als Beraterin ständig von ihrem Wissen und ihrem Erfahrungsschatz lernt. Es ist dabei besonders begeisternd, dass intergenerative Begegnungen in der Sozialen Landwirtschaft von vornherein konsequent mitgedacht werden können, da Höfe als natürliche Erfahrungsräume einen idealen Rahmen für den Austausch zwischen Jung und Alt bieten. Schließlich motiviert die Gewissheit, durch diese Vernetzungsarbeit einen echten Beitrag zur Stärkung der regionalen Daseinsvorsorge zu leisten und so soziale Isolation im Alter aktiv zu verhindern.

Mareike: Besonders großartig ist es zu sehen, wie die Landwirt*innen neue Perspektiven für ihre Höfe entwickeln und andere an der Begeisterung für Land und Tiere teilhaben lassen möchten.

Monika: Mich hat vor allem beeindruckt, dass junge Menschen sich auf Neues, durchaus auch mit großen Risiken verbunden, einlassen wollen. Vor allem Anne und Albert, die beide kurz vor dem Abschluss ihres Studiums stehen, haben fest im Plan, Angebote sozialer Landwirtschaft schaffen zu wollen. Sie sind sehr dankbar für die praktische Unterstützung, die unsere Beratung dabei leistet. Anne beispielsweis möchte gern eine weitere fortlaufende Begleitung für ihr Vorhaben, beginnend mit tiergestützten Angeboten für Senior*innen. Albert stand vor der Entscheidung zum Erwerb eines alten kleineren Vier-Seiten-Hofes. Unsere Unterstützung vor allem bei der Aufklärung der bestehenden bauplanungsrechtlichen Voraussetzungen und Risiken war für ihn dabei sehr hilfreich.
 

Zu einem ehrlichen Blick hinter die Kulissen gehört auch die Realität. Auf welche konkreten Hürden stoßt Ihr im Alltag und in den Gesprächen vor Ort?

Mareike: Die meistgestellte Frage ist: Welche Fördergelder gibt es zur Verwirklichung meiner Ideen?

Monika: Bei näherem Hinsehen und Erörtern der Ideen und Einschätzen der vorhandenen Möglichkeiten entstehen meist baurechtliche Fragen – was geht im sogenannten Außenbereich, wie sieht es aus mit Trinkwasserversorgung- und Abwasserentsorgung, welche baulichen Voraussetzungen müssen geschaffen werden, wie kann man das alles auf den Weg bringen, wer muss zustimmen usw. Aber auch die Frage – wer kann, wer darf die Betreuung der zukünftigen Klient*innen/Kund*innen/Senior*innen übernehmen? - steht oft im Vordergrund.

Neben den rein rechtlichen und organisatorischen Fragen gibt es auch die menschliche Ebene direkt vor Ort in den Betrieben. Ein neues Projekt verändert schließlich nicht nur den Stall oder das Nebengebäude, sondern das gesamte Hofleben. Auf welche Herausforderungen stoßt Ihr direkt in den Beratungen vor Ort? Gibt es seitens der Landwirtschaft zum Beispiel Berührungsängste, die Sorge vor dem Verlust der Privatsphäre oder die Frage, wie man die Akteur*innen in der Region am besten abholt?

Monika: Von Landwirt*innen hörten wir bei der Vorstellung unseres Projektes in kommunalen Gremien den Einwand, dass sie sich nicht vorstellen könnten, “fremde” Personen auf ihrem Hof zu betreuen. Erfreulicherweise hatten die von uns beratenen Landwirt*innen und deren Familien in dieser Hinsicht keine Bedenken. Nicht selten waren bereits erlebte familiäre Situationen die Motivation, eigene Angebote auch für andere betroffene Familien zu schaffen. Mit einer schrittweisen Verwirklichung der Ideen können die notwendigen Erfahrungen für das gemeinsame Leben auf dem Hof gesammelt werden.

Susanne: Eine große Aufgabe ist es, die sogenannte „weiße Seite“ – also den sozialen Sektor – noch besser für Kooperationen zu erreichen und dafür zu gewinnen, das Vorhaben der Sozialen Landwirtschaft in der Region aktiv zu unterstützen. Der Alltag in den sozialen Einrichtungen ist aktuell einfach extrem von akutem Pflegekräftemangel und weiten Fahrwegen für die ambulanten Dienste geprägt. Hinzu kommen leider oft noch eine fehlende Überzeugung oder Offenheit auf den höheren Verantwortungsebenen, neue Wege zu gehen.
 

Ein Blick nach vorn zeigt: Das Potenzial für Soziale Landwirtschaft in unseren ländlichen Räumen ist riesig, doch die Strukturen müssen mitwachsen. Was muss sich auf politischer, bürokratischer und regionaler Ebene bewegen, damit aus ersten Ideen flächendeckende Angebote werden können? Zum Abschluss des Gesprächs geht es um den Mut zur Veränderung und die Frage, wo die Reise hingehen soll: Was wünscht Ihr Euch für die zukünftigen Beratungen? Braucht es vor allem mehr Mut von den Genehmigungsbehörden oder einfachere, unbürokratischere Wege für die Höfe?

Monika: Bisher haben wir mit unseren Informationsangeboten ganz sicher nur einen Teil der in der Region tätigen landwirtschaftlichen Unternehmen erreicht. Vor allem in größeren landwirtschaftlichen Betrieben, welche ja in den landwirtschaftlichen Strukturen in den neuen Bundesländern vorherrschen, ist Soziale Landwirtschaft – bisher? - kein Thema. Aber gerade für diese Betriebe könnte Diversifizierung angesichts sich zuspitzender Probleme der Arbeitskräfteverfügbarkeit, klimatischer Veränderungen, wirtschaftlicher Tragfähigkeit eine Option für die Zukunft sein. Dazu braucht es sicherlich Mut bei den entsprechenden Betrieben, aber auch Unterstützung durch die zuständigen Behörden. Und eine gute Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen vor Ort. Hier könnten auch zukünftig Beratungen ihren Beitrag leisten.

Susanne: Dass noch mehr an bereits existierenden Strukturen/Netzwerke in der Region angedockt wird. Diese strukturschwachen Regionen haben bereits viel, was manchmal erst beim genaueren Hinsehen ersichtlich wird.

Mareike: Bereits funktionierende Beispiele außerhalb Brandenburgs können motivieren und zeigen, wie es geht. Deshalb organisieren wir für Anfang Oktober 2026 eine Exkursion zu Green-Care-Bauernhöfen in die Niederlande und nehmen interessierte Landwirt*innen mit, aber auch Akteur*innen aus Verwaltung und Pflege. Unser Ziel ist die Gründung einer ARGE, in der Vertreter*innen aus Landwirtschaft, Pflege, Kommunen und Verwaltung das Thema in unserer Region nachhaltig voranbringen.

Nehmen wir an, wir sprechen von der „10-Millionen-Dollar-Frage“: Ihr hättet unbegrenzte Kapazitäten und Mittel zur Verfügung. Wie würdet Ihr die Beratungstätigkeit der Grün-Weißen-Kooperation ausbauen?

Mareike: Wünschenswert wäre eine engmaschigere Begleitung, Nachfragen in kürzeren Abständen, welche Probleme sich gerade bei den Höfen auftun, und wo wir ganz konkret unterstützen können?

Monika: Wichtig für die Zukunft  wäre eine Verstetigung, besser ein Ausbau der jetzt geschaffenen Beratungsangebote durch fachkundige Berater*innen, auch über den bisherigen Wirkungsbereich Oderland-Spree hinaus, und für eine fortlaufende Begleitung der jeweiligen Projekte in der Umsetzung. Erfahrungen aus anderen Bundesländern weisen genau in diese Richtung. Dafür braucht es Lösungen für die Finanzierung der Berater*innen-Tätigkeit und vor allem Fortbildungs- und Austauschmöglichkeiten – für die Berater*innen und für die interessierten landwirtschaftlichen Höfe und sozialen Träger/Unternehmen.
 

Ein solches Projekt lebt vom Dialog. Haben Sie Fragen zu unseren Beratungsabläufen, Anregungen zu den rechtlichen Hürden oder eine ganz eigene Idee für einen Hofabschnitt? Das Team der Grün-Weißen-Kooperation freut sich auf Ihr Feedback und den direkten Austausch mit Ihnen!

Das Modellprojekt „Grün-Weiße Kooperation in Oderland-Spree“ wird gefördert aus Mitteln der Europäischen Union und des Landes Brandenburg.

Grün-Weiße Kooperation, Einblicke ins Projekt