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Nachruf auf Prof. Dr. Silvia Staub-Bernasconi

Würdigung

Mit großer Dankbarkeit und tiefem Respekt erinnern Prof. Dr. Nivedita Prasad sowie Weggefährt*innen, Kolleg*innen und zahlreiche Absolvent*innen im August 2026 an Prof. Dr. Silvia Staub-Bernasconi. Die Begründerin des Masterstudiengangs Menschenrechtsorientierte Soziale Arbeit (MRMA) an der KHSB gilt als eine der wichtigsten Wegbereiterinnen einer menschenrechtsorientierten Sozialen Arbeit. Ihr Denken, ihr Wirken und ihre unermüdliche Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit haben zahlreiche Studierende auch an unserer Hochschule geprägt.

Eines der nachhaltigsten Vermächtnisse von Prof. Dr. Staub-Bernasconi ist der Masterstudiengang „Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession“ (MRMA)1, der seit 2002 alle zwei Jahre als Kooperationsstudiengang der Alice Salomon Hochschule, der Evangelischen Hochschule und der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin angeboten wird. Sie hat diesen Studiengang nicht nur entwickelt und initiiert, sondern ihn bis 2010 – ehrenamtlich – geleitet. Bis 2017 hat sie im Studiengang gelehrt und Studierende bei Forschungsprojekten und Masterarbeiten begleitet.

Es sind vor allen Dingen die Absolvent*innen, aber auch die Studierenden, die (ehemaligen) Koordinator*innen, die (ehemaligen) Lehrenden und die Studiengangsleitung, die den Studiengang ausmachen. Wir teilen die Erfahrung, dass Staub-Bernasconis Werk und für viele auch die Person sie in ihrem professionellen Handeln beeinflusst bzw. in ihrem politischen und professionellen Grundverständnis geprägt und bestärkt hat. Alle, die zum Studiengang gehören, waren eingeladen, an diesem Nachruf mitzuarbeiten, damit wir so gemeinsam an sie erinnern können. 

Regula Corsten, die den Studiengang 2002 als Koordinatorin auf organisatorischer Ebene aufgebaut hat, erinnert Silvia als eigenständige und auch eigenwillige Frau, die sich nicht hat beirren lassen von Hindernissen und Machtstrukturen. Sie hat sich für den Menschenrechts-Master in der schwierigen Konstellation zwischen dem ZPSA e.V., dem damaligen Trägerverein des Masterstudiengangs, und den drei Hochschulen eingesetzt. Mit klarem Ziel vor Augen war sie in den Auseinandersetzungen geradlinig. Es ging ihr immer um den Studiengang und nicht um die eigene Position oder Person.
“Auch ich erinnere gerne, wie die damaligen Hochschulleitungen davon sprachen, dass es nur der Hartnäckigkeit von Silvia zu verdanken ist, dass der Studiengang überhaupt zu Stande kam. Silvia erzählte sehr gerne, dass keine*r glaubte, er würde sich lange halten; wohl auch deshalb entschieden sie sich seinerzeit für die Kooperation, um ein mögliches Risiko zu teilen. Umso mehr freute sie sich, wenn ich erzählte, wie viele Bewerbungen der Studiengang hat.” erklärt Prof. Dr. , Professorin an der ASH Berlin und Studiengangsleitung des MRMA seit 2010.


Die Theoretikerin

Für Prof. Dr. ist Silvias Arbeit nach wie vor eine der wichtigsten Grundlagen, um sich fachlich fundiert auf Menschenrechte in der Sozialen Arbeit beziehen zu können. Eng verknüpft mit der Frage der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession ist die Frage des Mandats Sozialer Arbeit. 20075 schrieb Staub-Bernasconi erstmals von einem Tripelmandat. Bis heute gehört die Mandatsfrage bzw. die Erkennung mandatswidriger Forderung in der Praxis zu den spannendsten Diskussionen mit Studierenden und Praktiker*innen. Dies machen auch viele Rückmeldungen der Absolvent*innen deutlich.

Für Jenny-Kerstin Bauer (Stellvertretende Geschäftsleitung des Dachverbands Frauen- und Mädchenberatung, Wien) hat die Auseinandersetzung mit dem Tripelmandat dazu beigetragen, dass sie sich vorstellen konnte, die Profession langfristig auszuüben. Sie beschreibt es als Halt in fachlichen und politischen Diskursen und Hilfe, den Fokus auf Menschenrechte und vulnerable Gruppen zu bewahren.

Santje Maike Winkler (Sozialarbeiterin im Wohnverbund für Migrantinnen des Zentrum ÜBERLEBEN, Berlin) beschreibt, dass Silvia Staub-Bernasconi sie wie keine andere Person in der Sozialen Arbeit beheimatet hat. Die Konzeption und das Verständnis einer Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession prägen ihre Arbeit und Identität als Sozialarbeiterin, geben ihr Orientierung und formulieren einen Anspruch, an dem sie sich auch immer wieder messen lassen möchte. Das Tripelmandat, ihr frühes feministisches Interesse und die Bandbreite ihrer Themen. Dazu zählen auch die Bezugslinien zu den Pionierinnen der Sozialen Arbeit und ihre unermüdlichen Debatten mit den überwiegend männlichen Theoretikern.

Der Studiengang und damit die Arbeit von Silvia Staub-Bernasconi hat Talitha Goldmann-Kefalas (C&E at J&J, Leadership Coach) inspiriert, Soziale Arbeit im Sinne des Tripelmandats ganzheitlich zu begreifen, über Länder- und Arbeitssektorengrenzen hinaus zu denken und entsprechend Verantwortung zu verstehen. Das hat ihr professionelles Selbstverständnis stark geprägt.

Die Auseinandersetzung mit dem Tripelmandat hat auch Anja Eichhorn (Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Siegen und Promovendin im DFG-Graduiertenkolleg) in ihrer praktischen Arbeit – seinerzeit im ASD eines Berliner Jugendamtes - mehrfach geholfen, mandatswidrige Forderungen (z. B. eines Jobcenters) nicht nur zu erkennen, sondern auch wirksam und mit gewisser widerständiger Freude, zu begegnen: eine damit verbundene (neue) Haltung, die sie durch Silvia Staub-Bernasconi kennen und schätzen gelernt hat. Manchmal empfand und empfindet sie das Tripelmandat aber auch als Zumutung oder mindestens als Herausforderung, sieht jedoch keinen Weg daran vorbei und diskutiert dies auch aktuell mit Freude in ihren Seminaren. Neben dem Tripelmandat erinnert Anja Eichhorn auch die W-Fragen und die „Staub’sche Bibel“. Es habe sie einige Zeit und Nerven gekostet, hinter diese Theorie zu steigen und sie zu durchdringen.

Die Zürcher Schule und das Systemtheoretische Paradigma der Sozialen Arbeit haben Dirk Brakenhoff (Referent für Grundsatzfragen beim BdB e.V.), Otmar Kerschbsumer (Permakulturist und Pädagoge) und Alex Klein (Docent Social Work, Saxion UAS und Lehrender im MRMA) gleichermaßen fasziniert und gefordert. Ihre Theorien und Modelle waren für Alex Klein der Einstieg, Wissenschaft jenseits individueller Theorieangebote und -schulen zu verstehen, nicht zuletzt wegen der umfassenden Systematik ihrer Theorie, wie er sie in dieser Transparenz in der Sozialen Arbeit bisher nicht gefunden hatte.


Die Unerschrockene

Dr. Sabine Gembalczyk (Ombudschaft Jugendhilfe NRW e.V.) erinnert eine Anekdote, die für die Unerschrockenheit von Silvia Staub-Bernasconi steht: auf dem Weg zur Katholischen Hochschule sah sie vom Auto aus, wie Silvia fußläufig den Weg bestritt; sie stoppte das Auto, um Silvia zur Mitfahrt einzuladen und rief: „Nicht erschrecken …“; Silvia antwortete mit einem sehr gestandenem und eindeutigem „So schnell erschrecke ich nicht!“ Eben diese Unerschrockenheit und Scharfsinnigkeit als Person und vor allem in ihren Arbeiten haben Sabine Gembalczyk inspiriert und motiviert, sich tief in die Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft zu verorten und gaben den Anstoß zu weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und bilden den roten Faden ihrer Arbeit. “Sehr beeindruckt hat mich, dass Silvia mit knapp 80 Jahren nochmals in die USA reiste, um ihren Bruder zu treffen, und sich dann alleine ein Auto mietete, um durch US-amerikanische Berge zu fahren. Sie tat dies alleine und ohne Mobiltelefon (oder Natel, wie sie sagte).” erinnert Prof. Dr. Nivedita Prasad.

Daniela Rohleder (Ausbildnerin 143.ch, Vorstand Solidaritätsnetz Bern) erinnert sich an die Kraft und Energie, die Silvia ausstrahlte, wenn sie ihrer Empörung über gesellschaftliche Missstände Ausdruck verlieh und gemeinsam mit Studierenden kreative, "gewitzte" und wirkungsvolle Maßnahmen zum professionellen Widerstand im Sinne des Tripelmandats entwickelte.

Viele, die Silvia trafen - so Manuela Leideritz (Jugendnotdienst Leipzig und Lehrende im MRMA) - werden davon berichten können, dass sie sich auf eine geradlinig-unbeirrbare Weise über Regeln hinwegsetzte und Grenzen infrage stellte - oft verbunden mit einem Lächeln, immer verbunden mit starken Überzeugungen, Realutopien und messerscharfer Argumentation. Sie öffnete damit viele Türen und schuf Möglichkeiten, wo vorher keine waren. Sie war - so Regula Corsten - eine Persönlichkeit mit Eigensinn im besten Sinne des Wortes. Sie hat beeindruckt. Und solche Frauen brauchen wir - so Corsten weiter - heute erst recht.

Die Kritikerin

Anja Eichhorn erinnert gerne an ein sprachliches Bild von Silvia Staub-Bernasconi, welches die Notwendigkeit zur Professionalisierung von Sozialer Arbeit als (eine) Menschenrechtsprofession bzw. ethisch verantwortliche Profession transportiert: „Soziale Arbeit ließ und läßt sich zu häufig die von ihr diskutierten Themen, Probleme, Begriffe und Konzepte von außen geben, wenn nicht gar diktieren. Insofern ist sie wie ein Blatt im Wind, das dorthin fällt, wo der Zeitgeist gerade am stärksten weht“ (Staub-Bernasconi).

Katharina Volland de Flores (Mitarbeiterin des Resettlement Büro München und AKS München) ist Silvia Staub-Bernasconi das letzte Mal am 16.9.2019 persönlich in München begegnet, als sie der Einladung des Arbeitskreises Kritische Soziale Arbeit München gefolgt ist, um am Fachtag des AKS zu sprechen. Sie erklärte zu Beginn, dass sie nur noch sehr selten Vorträge hielt und deshalb zum Thema „Soziale Arbeit im Spannungsfeld zwischen Legalität und Legitimität – Anpassung und Zivilcourage“ nun „nur“ einige Gedankenanstöße vortragen wird. Ihre allgemeine These war, dass, „solange die Mandatsfrage der Sozialen Arbeit in der Fachwelt nicht geklärt ist, Zivilcourage und erst recht ziviler Ungehorsam als Antwort auf die Verletzung von berufsethischen Prinzipien bzw. von Menschenrechten einen schweren Stand“ hat.

Ihr Werk als Prägung

Zweifellos hat Silvia Staub-Bernasconi ganze Generationen von (angehenden) Sozialarbeiter_innen beeinflusst und deren kritisches Denken und Welt- und Menschenbild geprägt, so schildert es auch Katja Schlüter (Stadt München, Kompetenzcenter Vielfalt- und Gleichstellung).  Dr. Marie-Therese Haj Ahmad (geb. Reichenbach, MSW 6, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Verständnis GISS e.V.) denkt gerne an Begegnungen mit Silvia Staub-Bernasconi zurück, die von Interesse und einer Wertschätzung geprägt waren, wie sie sie selten erlebt hat. Gepaart mit einem beeindruckenden Wissen und messerscharfen Analysen waren die Begegnungen immer sachorientiert und konstruktiv sowie persönlich stärkend. So hat Silvia sie nicht nur in ihrem persönlichen Weg geprägt, sondern auch in dem professionellen Selbstverständnis als Sozialarbeiterin.

Alex Klein und Otmar Kerschbaumer erinnern Silvias Arbeit mit Personen in vulnerablen Lebenslagen und ihre Unterstützung für wirklich empowernde Projekte, die anspornten. So erinnern sie sich, wie sie Silvia berichteten, dass im Rahmen eines Kongresses zum Kindeswohl Kinderrechte nicht einmal benannt wurden. Silvia antwortete darauf in ihrer typischen Weise, nämlich dass es nun ihre Pflicht sei, diese Lücke zu schließen und sich für die damit verbundenen Ansprüche einzusetzen. Wenn wir Profession sein wollen – so Staub-Bernasconi - müssen wir auch streitbar für unsere Ziele, also die Rechte der Menschen, eintreten. Alex Klein habe sie immer als solche Streiterin erlebt, bestimmt auch nicht immer bequem, aber immer durchdacht und im Sinne einer Profession, die sich für das Soziale einsetzt, und zwar aus der Perspektive der Schwächsten und Entrechteten. Nicht nur in der Bequemlichkeit der Wissenschaft, sondern auch in der Praxis.

Silvia hat auch Nina Hatsikas-Schroeder (Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Studienzentrum, Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz und Promovierende an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg) als Praktikerin ermutigt und bestärkt, an eine Hochschule zu wechseln. In der Lehre begleitet sie nun Studierende, die sich mit dem Systemischen Paradigma der Sozialen Arbeit im Kontext von Theorie und Kasuistik auseinandersetzen oder Fragen von Macht und Professionsethik in ganz unterschiedlichen Bildungssettings bearbeiten.

Mareike Niendorf (Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ASH Berlin, Doktorandin und Lehrende im MRMA) erinnert sich noch gut daran, wie sie im Bachelorstudium den ersten Text von Silvia Staub-Bernasconi gelesen hatte, der sie gleichzeitig sehr herausgefordert und fasziniert hat. Viele weitere ihrer Texte folgten. Silvias Werk hat ihr nicht nur eine neue Perspektive auf Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession eröffnet, sondern damit auch ihren weiteren Lebens- und Berufsweg auf eine damals noch nicht absehbare Weise geprägt.

Katja Schlüter, die in München zahlreiche Veranstaltungen mit Silvia durchführte, erinnert daran, wie sie stets nach den konkreten Lebensbedingungen der „Fallarbeit“ von Menschen fragte, nach der Verteilung von Ressourcen und nach den Formen von Macht, durch die Teilhabe ermöglicht oder verhindert wird. Wissenschaftliche Analyse - so Staub-Bernasconi – müsse dazu beitragen, soziale Probleme genauer zu verstehen, professionelles Handeln zu begründen und gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern. Wie wichtig Silvias kritisches Denken in komplexen Systemen ist, sehen wir - so Katja Schlüter - heute mehr denn je. Das Studium bei Silvia hilft ihr bis heute kritische Auseinandersetzungen besser zu verstehen, bspw. in Bezug auf künstliche Intelligenz und den neuen Faschismus.

Für Daniela Rohleder dient Silvias Werk, ihre Energie und ihre Nahbarkeit seit jeher als Orientierung für das eigene berufliches Handeln. Neben dem gemeinsamen Denken mit ihr erinnere sich gerne an den "kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat", den Silvia heranzog, um über Empowerment zu sprechen.

Anja Eichhorn hat Silvia Staub-Bernasconi während des Studiums nur wenige Male persönlich erlebt; davor kannte sie ihren Namen nur am Rande. Dass ihre Arbeiten, ihre Ideen, ihr Denken und das, was sie „Realutopie“ nannte, dennoch eine starke Wirkung auf sie ausgeübt haben, habe sie erst nach Beendigung des Studiums - im Zuge ihrer eigenen Lehrtätigkeit und nicht zuletzt in den Tagen, nach der Nachricht über ihren Tod - bemerkt.

Die Nahbare

Nicht alle Theoretiker*innen sind auch menschlich nahbar, fair und nehmen Menschen – unabhängig vom Alter, Lebens- und Arbeitserfahrung ernst. Das ist eine Erfahrung, die viele Absolvent*innen erinnern.

Stets nahm sie sich Zeit, so als hätte sie unendlich davon. So fuhren etwa Dirk Brakenhoff, Otmar Kerschbsumer und Alex Klein nach Zürich um ihr Forschungsprojekt zu retten und stellten fest, dass nicht Silvia ihr Projekt rettete, sondern sie selbst, da Silvia sie durch die richtigen Fragen hierzu befähigte. Besonders beeindruckt hat sie, mit wie viel Geduld sie sich jeder Idee und jedem Anliegen widmete. Nie hat sie – so die drei - es einfach besser gewusst oder das auch gezeigt, sondern sie trat immer diskursiv und wertschätzend an jede – manchmal noch so aberwitzige – Idee heran und beleuchtete sie freundlich, aber in der Sache klar und argumentativ. Alex Klein erinnert sich auch an die sehr persönliche Unterstützung, wenn inhaltliche Fragen ihn an dem Rande des Wahnsinns trieben. Und das obwohl auf eine Frage häufig nicht einfach eine Antwort kam, sondern mehrere Gegenfragen. Und doch ist es ihr durch ihre Begleitung gelungen, vielen großartigen Projekten zum Erfolg zu verhelfen.

Viele Absolvent*innen erinnern sich daran, dass Besprechungen mit Studierenden nicht selten am Abend nach den Veranstaltungen stattfanden, häufig bis tief in die Nacht. Regula Corsten erinnert sich daran, dass Silvia, als sie in der TU-Berlin ihr Büro aufgeben musste, ihre Sprechstunden im Café des Literaturhauses in der Fasanenstraße abhielt. Dort saß sie einen ganzen Tag von morgens bis abends an „ihrem“ Tisch im Glasvorbau, der ihr von dem Kellner freigehalten wurde und der ihr brachte, was sie brauchte. “Später verschob sie ihr Sprechzimmer in das Oxymoron in den Hackeschen Höfen, wo sie mit der alten Verbindlichkeit Studierenden und anderen begegnete. So erinnere ich mich beispielsweise daran, wie sie mir ein 2stündiges und sehr wertschätzendes Feedback zu meiner Promotion gab und das, obwohl sie die Arbeit nicht begutachtet hat.”, erinnert Prof. Dr. Nivedita Prasad.

Ihr Engagement gegenüber den Studierenden zeigte sich auch daran, dass sie sich – wie Jenny-Kerstin Bauer erinnert - sehr viel Zeit nahm, Arbeiten von Studierenden ausführlich und kritisch zu besprechen. Auch Nina Hatsikas-Schroeder erinnert ausführliche, wertschätzende und kritisch-konstruktive Rückmeldungen, was für sie in dieser Form in der eigenen Lernbiografie eine ganz neue Erfahrung war. Später, als Silvia nicht mehr in Berlin lebte, gab sie ihr Feedback des Öfteren schriftlich; es kam schon mal vor, dass eine 15seitige Hausarbeit ein 5seitiges Feedback erhielt, was manche andere Lehrende besorgte, weil wir nicht an diesem Maß gemessen werden wollten. Diese Wertschätzung der Arbeit von Studierenden nach etwa 50 Jahren Lehre ist und bleibt bemerkenswert.

Silvia verband - so Katja Schlüter - ihre wissenschaftliche Arbeit mit professioneller Verantwortung und gesellschaftspolitischem Aktivismus bis hin zum zivilen Ungehorsam. Ideen dazu brachten ihren feinfühligen und rebellischen Humor besonders gut zum Ausdruck. Ihrer Erfahrung nach war Silvia eine zutiefst menschliche und genau deshalb sehr anspruchsvolle Frau. An ihren Humor erinnert sich auch Santje Maike Winkler, für die Silvia die absolute Queen der Sozialen Arbeit ist.

Manchmal überraschte Silvia Studierende mit ihrer Nahbarkeit. Lisa Schenkermayr (Sozialarbeiterin bei LaVida (ehemals ZIK gGmbH) Wohnprojekt im Bereich HIV, Sucht, psychischen und chronischen Erkrankungen), erinnert sich daran, wie der MSW 9 einen Grillabend organisierte und Silvia dazu einluden. Sie bedankte sich herzlich für die Einladung war jedoch unsicher, ob sie kommen würde. Zur Überraschung der Studierenden folgte sie der Einladung. So saßen sie gemeinsam im Garten und folgten gespannt – wie bereits im Seminar - ihren Geschichten, Erfahrungen und Erzählungen.

Zur Nahbarkeit gehörte auch, dass Silvia selbstverständlich ihre Textentwürfe im Seminar zur Diskussion stellte und sich ernsthaft für die Perspektiven ihrer Studierenden interessierte, wie Mareike Niendorf erinnert. Die Ergebnisse dieser Diskussionen wurden – sofern sie sie überzeugend fand – in der endgültigen Publikation berücksichtigt.

Die Türöffnerin und Ermutigerin

Manuela Leideritz begegnete Silvia Staub-Bernasconi als sehr junge Sozialarbeiterin, kurz nach ihrem Abschluss ihres Studiums im Arbeitskreis "Theorie- und Wissenschaftsentwicklung" der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA), wo alle deutlich älter und in der Sozialarbeitswissenschaft etablierter waren. Silvia sprach sie - als Leiterin des Gremiums – am Rande an, begrüßte sie in die Gruppe und gab ihr das Gefühl, als sei so ein 'Rookie' in diesem Rahmen völlig selbstverständlich. In diesem von weißen älteren Herren mit akademischen Weihen dominierten Zirkel schaffte sie mit wenigen Worten Raum für die junge Frau und ermutigte sie auch in der Folge immer wieder, ihn zu nutzen. Das war für Silvia Staub-Bernasconi nichts Besonderes.

“Als ich 2010 die Leitung des MRMA übernahm, hat mich Silvia genauso selbstverständlich unterstützt und in die Welt der Hochschulen eingeführt. Als ich mich später für meine heutige Professur bewarb, nahm sich Silvia Zeit, meinen Vortrag und die Lehrprobe kritisch und ausführlich mit mir zu besprechen und zu erproben. Sie traute mir – lange bevor ich es mir selbst zutraute – die Leitung des MRMA zu und unterstütze mich bis zum Ende in dieser Funktion. Sie übernahm auch unangenehme Aufgaben, um mich zu schonen.”, sagt  Prof. Dr. Nivedita Prasad.

Es bleibt die Dankbarkeit und die Erinnerung

Was neben den Büchern und Aufnahmen ihrer Vorträge bleibt, sind die vielen unzähligen kleinen und großen Momente mit einer sehr beeindruckenden Wissenschaftlerin und einer sehr inspirierenden großzügigen Frau, die uns alle - nicht nur - professionell geprägt hat. Manuela Leideritz erinnert daran, dass Silvia selbst mehrfach sagte: Mehr als über alle Zeichen von Dankbarkeit und besonderer Wertschätzung freue sie sich darüber, wenn sie sah, dass ihre Gedanken aufgegriffen, weiterentwickelt und verbreitet wurden. Das erfülle sie mit Freude und Stolz. Manuela Leideritz und Sabine Gembalczyk hoffen, dass die Erinnerung an ihren Wissensschatz durch die Absolvent*innen noch lange lebendig bleibt.

Zum ihrem 80ten Geburtstag schrieben Absolvent*innen als Überraschung ein Lehrbuch. Silvia hatte sich sehr gefreut und war sichtlich berührt und überrascht. Auch den Tag zur Ehrung ihres 80ten Geburtstag erinnern sich viele von uns gerne. Kaum, dass sie aufhörte zu lehren, überarbeitete sie ihr Buch zu Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft; 2019 publizierte sie ihr lang erwartetes Buch zu Menschenrechten.
“Das Buch dürfte vielen Absolvent*innen sehr vertraut vorkommen, denn es enthielt Überarbeitungen ihrer legendären Arbeitsblätter, mit denen sie über Jahre lehrte. Sehr gerne hätte sie das Buch auch mit Publikum diskutiert, was aber durch die Pandemie verunmöglicht wurde. Anstatt zu lamentieren, hat sie die Zeit genutzt, um ihre Arbeitsunterlagen aufzuräumen bzw. zu sortieren und sich eine Wohnform fürs Alter auszusuchen - selbstverständlich war dem eine sorgfältige Recherche vorausgegangen, bei der sie prüfte, in welchen Konzepten der zur Wahl stehenden Einrichtungen der Begriff der Menschenwürde verankert ist. So zog sie selbstbestimmt in die Unterkunft ihrer Wahl und sagte, sie hoffe, sie würde da nicht so lange bleiben; am Ende waren es gut 3 Jahre. Es war bewegend zu sehen, wie sie auch im hohen Alter eine freundliche und zuvorkommende Person blieb, die sich stets auch für ihre Mitmenschen interessierte. Auch als ihr - sonst so phänomenales - Gedächtnis nachließ, konnte sie sich fast bis zum Schluss an einzelne Texte, wie z. B. von Saul Alinsky, erinnern und sich darüber austauschen. Ich besuchte sie zum letzten Mal am 8. Juni dieses Jahres und hatte den Eindruck, dass ihre Themen sie bis zum Schluss begleiteten.” erinnert Prof. Dr. Nivedita Prasad.


Aus dem deutschsprachigem Menschenrechtsmaster sind inzwischen 213 Absolvent*innen hervorgegangen, hinzukommen 62 Studierende. Unter den Absolvent*innen sind bereits 10 promoviert (davon 7 Frauen); 14 weitere befinden sich aktuell im Promotionsprozess. Dass aus dem Studiengang so viele Promovend*innen hervorgegangen sind, ist nicht zuletzt Silvias Verdienst. Die Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit als Profession lag ihr besonders am Herzen. Entsprechend setzte sie sich mit großem Engagement dafür ein, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern und zugleich zu fordern. Silvia hat sich immer sehr gefreut zu sehen, dass manche Absolvent_innen sich für diesen Weg entschieden haben. Sie hat sich aber genauso darüber gefreut zu sehen, wie vielfältig die Arbeitsstellen der Absolvent_innen sind und auf diese Weise das theoretisch Gelernte in diverse Praxisfelder Eingang fand. 


Als die Koordination des Studiengangs 2010 übernahm, fand sie im Büro einen Koffer von Silvia mit vielen Unterlagen vor. Auf die jährlich wiederholte Frage, ob sie den Koffer nicht mit nach Zürich nehmen wolle, antwortete Silvia stets freudestrahlend: „Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin!“ – und ließ den Koffer, wo er war. Ihre Verbundenheit mit Berlin und mit dem Studiengang war immer sehr spürbar.

Sie wird uns allen fehlen, genauer, sie fehlt schon jetzt, aber es tröstet zu sehen, wie weit gefächert ihr Einfluss in Theorie und Praxis Sozialer Arbeit ist.


Werk (Auswahl)

Staub-Bernasconi, Silvia (2007): Vom beruflichen Doppel- zum professionellen Tripelmandat – Wissenschaft und Menschenrechte als Begründungsbasis der Profession Soziale Arbeit. In: Sozialarbeit in Österreich (SIÖ). H2, 2007, S. 8-17.

Staub-Bernasconi (2018): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft, Opladen: Barbara Budrich, UT. [Erstauflage: 2007].

Staub-Bernasconi 1995: in: Wendt, Wolf Rainer: Soziale Arbeit im Wandel ihres Selbstverständnisses. Beruf und Identität, Lambertus.

Leideritz, Manuela und Vlecken, Silvia (2016): Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit - Schwerpunkt Menschenrechte: Ein Lese- und Lehrbuch, Opladen: Barbara Budrich.

Staub-Bernasconii (2019): Menschenwürde – Menschenrechte – Soziale Arbeit. Die Menschenrechte vom Kopf auf die Füße stellen. Opladen: Barbara Budrich.
 
 

Foto Silvia Staub-Bernasconi