Demokratie braucht Inklusion
Am 16. Juli 2026 begrüßte die Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) erstmals Jürgen Dusel, den
Im Mittelpunkt des Austauschs mit Studierenden, Lehrenden und Forschenden standen aktuelle Entwicklungen der Behindertenpolitik. Dabei wurde deutlich: Inklusion ist ein Querschnittsthema, das nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft – von Bildung, Arbeit und Wohnen bis hin zu Gesundheit und sozialer Teilhabe.
Inklusion als demokratische Aufgabe
Jürgen Dusel hat seine Amtszeit unter das Leitmotiv „Demokratie braucht Inklusion“ gestellt. Ausgehend von seinen persönlichen Erfahrungen als blinder Mensch sprach er über Fortschritte und Herausforderungen auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft. Bereits erreichte Verbesserungen seien das Ergebnis vieler kleiner und größerer Schritte. Inhaltlich standen mehrere zentrale Themenfelder im Fokus: das Bundesteilhabegesetz (BTHG), die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit Behinderungen, die Teilhabe am Arbeitsleben sowie die Situation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen.
Dabei betonte Dusel, dass Menschen mit Behinderungen keine homogene Gruppe darstellen. Die Lebensrealitäten von tauben, blinden, mobilitätseingeschränkten Menschen, Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen oder komplexen Unterstützungsbedarfen seien sehr unterschiedlich. Umso wichtiger sei eine konsequente Personenzentrierung: Nicht die Zugehörigkeit zu einer Gruppe dürfe im Mittelpunkt stehen, sondern der einzelne Mensch mit seinen individuellen Wünschen, Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfen.
Weniger Bürokratie, mehr Teilhabe
Ein weiteres Thema war die Umsetzung von Teilhabeleistungen. Dusel verwies auf die Bedeutung von Teilhabeplanverfahren und darauf, Bürokratie abzubauen sowie bestehende Zuständigkeitsstrukturen zu vereinfachen. Gerade im oft beklagten „Zuständigkeitsdschungel“ liege großes Potenzial, Verfahren effizienter zu gestalten und gleichzeitig die Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern.
Sehr kritisch äußerte sich der Bundesbehindertenbeauftragte zur gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Behinderungen. Der Zugang zu einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung sei in Deutschland vielfachmangelhaft. Aber auch in der Ausbildung von Ärzt*innen und Pflegekräften fehle es häufig an Sensibilisierung und Vermittlung von Fachwissen für die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. Hier bestehe dringender Handlungsbedarf.
Wissenschaft und Praxis gemeinsam gestalten
Dusel hob zudem die Bedeutung des internationalen Austauschs hervor. Andere Länder könnten wichtige Impulse für eine inklusive Politik liefern. Deutschland sei in vielen Bereichen noch stark von formalen Verfahren geprägt, weshalb der Blick über nationale Grenzen hinaus wertvolle Anregungen bieten könne.
Ein besonderes Anliegen sei ihm der Abbau von Vorurteilen und die Schaffung von Räumen für Begegnungen. Nur durch direkte Kontakte könne gegenseitiges Verständnis wachsen und Inklusion im Alltag selbstverständlich werden.
Hochschulen wie die KHSB, so Dusel, leisteten einen wichtigen Beitrag für eine evidenzbasierte Politik. Mit ihrer Forschung und fachlicher Expertise könnten sie politische Entscheidungsprozesse wissenschaftlich begleiten und fundieren. Studierende ermutigte er, sich bereits in Bachelor- und Masterarbeiten sowie in Forschungsprojekten mit Fragen von Teilhabe und Inklusion auseinanderzusetzen.
Teilhabe als Auftrag der KHSB
Die Gestaltung wirksamer Teilhabe für Menschen mit Behinderungen sowie die Realisierung von Inklusion in Sozialwirtschaft, Gesundheitssystemen und Gesellschaft gehören zu den zentralen Zielen der KHSB. Die Hochschule versteht es als ihren Auftrag, zukünftige Fachkräfte zu qualifizieren und als Multiplikator*innen für eine inklusive Gesellschaft zu stärken.
Mit der Einladung von Jürgen Dusel wollten die Organisator*innen den Studierenden einen direkten Austausch mit einem der wichtigsten Experten für Behindertenpolitik in Deutschland ermöglichen. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Reformdebatten im Sozialstaat und der Sorge, steigende Kosten der Eingliederungshilfe könnten zu Leistungseinschränkungen führen, wurde deutlich: Die Zukunft von Teilhabe und Inklusion muss gemeinsam gestaltet werden.