"Du bekommst nur so viel Gerechtigkeit, wie du Macht an den Tisch bringst.”
Andreas Richter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der KHSB und engagiertes Mitglied des Deutschen Instituts für Community Organizing (DICO). In einem Gespräch mit Debora Carolin Schuler aus der Hochschulkommunikation spricht er über die Grundprinzipien des Community Organizing, die historische Entwicklung des Instituts sowie seine Vision für ein lebendiges und demokratisches Gemeinwesen.
Seit 2013 ist
Zur Rolle des Organizers erklärt Andreas Richter: „Organizer arbeiten direkt mit den Menschen in den Bürgerplattformen und begleiten sie bei den Vorbereitungen ihrer Aktionen und Kampagnen.“ Sie unterstützen sie bei der Suche nach neuen Gruppen, Multiplikator*innen, Leadern, sie bieten Workshops, Trainings und professionelle Begleitung bei Verhandlungen.
Was bedeutet Community Organizing praktisch?
Community Organizing soll Menschen befähigen, erfolgreich am politischen Leben teilzunehmen und Macht aufzubauen, erklärt Andreas Richter, in dem sie sich organisieren und auch Forderungen formulieren. Der Fokus liegt auf Themen der sozialen Ungerechtigkeit, die keine oder wenig politische Aufmerksamkeit erhalten. Als Beispiel nennt er infrastrukturelle Projekte, wie Lärmschutzwände neben einer vierspurigen Straße oder den Ärztemangeln in Randbezirken. Auch die Ansiedelung des HTW-Standorts in Schöneweide sei auch Dank jahrelanger Bemühungen und mit Hilfe von Bürgerplattformen gelungen. Ein Riesenerfolg und ein Wendepunkt für den Kiez in Treptow-Köpenick zu Beginn der Arbeit der Bürgerplattformen vor mehr als 20 Jahren.
Er berichtet auch von Verhandlungen, die er mit der BVG und der Senatsverwaltung für Verstärkerfahrten der Tram im Stadtteil geführt hat, um die vollen Bahnen zu entlasten und mehr Raum für die Pendler*innen, Schüler*innen und Kinder zu schaffen. Dahinter liegen meist langwierige, aber auch bürger- und praxisnahe (Demokratie-)Prozesse – die jeweilige Umsetzung hautnah mitzuerleben empfinde er als sehr lohnend.
Man merkt Andreas Richter beim Interview förmlich an, er brennt für sein Thema und lässt andere gern an seiner Begeisterung und Vision teilhaben. Zugleich schildert er Rückschläge, gescheiterte Kampagnen und die ernüchternde Erkenntnis, dass Einfluss nur so weit reicht, wie man Macht an den Verhandlungstisch mitbringt. Gerade deshalb betont er die Bedeutung von Zusammenschlüssen und kollektivem Einsatz, um sich durchzusetzen.
Aus der Praxis für die Praxis
“Das wichtigste Werkzeug von Comunity Organizing ist das Zuhören.” Auch in der Hochschule gibt es regelmäßig die Gelegenheit am Format Erzählen und Zuhören teilzunehmen und Community Organizing live zu erleben. „Aus der Praxis für die Praxis“ – dieser Grundsatz, den Richter von seinem ehemaligen Mentor Leo Penta übernommen hat, prägt seine eigene und die Arbeit des Instituts wesentlich.
20 Jahre DICO
Wenn Richter auf die größeren Veränderungen der vergangenen 20 Jahre des DICO zurückblickt, fällt ihm der Generationswechsel im Institut mit dem Ruhestand von Leo Penta ein, verbunden damit die Erarbeitung einer neuen Satzung und die Etablierung einer neuen Institutsleitung, – eine bewegende Zeit mit neuem Fokus, neuen Aufgaben und viel Reflexion und Erkenntnisgewinn im Institut. Weitere Meilensteine waren die Einrichtung einer Mitarbeiterstelle 2023 sowie die Vergrößerung des DICO 2025
Das Besondere des DICO gegenüber anderen Institutionen, die sich auch mit Community Organizing beschäftigen, ist die Fokussierung auf den Broad-Based Community Organizing Ansatz, d.h. den Aufbau und die Begleitung von Bürgerplattformen auf breiter gesellschaftlicher Basis. Aktuell kümmert sich das DICO in Kooperation mit dem Praxispartner Organizing Germany unter anderem um das Mentoring von Organizer*innen, und ist dazu auch forschend tätig, wie bei dem Projekt COMe von KHSB-Professorin Sarah Häseler.
Hub für den Social Action Ansatz: Inwiefern können Studierende und Mitglieder der Hochschule Teil der Community sein?
Richter berichtet vom Social Action Ansatz, dieser sei „wie Community Organizing auf Speed“. Innerhalb eines Semesters werde mit den Studierenden ein selbstgewähltes Thema in einer öffentlichen Aktion umgesetzt. Dafür werden Raum für Lösungen und Ideen entwickelt, sowie Personen, die zur Umsetzung gebraucht werden, ermittelt. Es geht um das Organisieren von Menschen und Macht sowie um gute Recherchen, Analysen und Aktionsstrategien – also um die grundlegenden Voraussetzungen für erfolgreiches Organizing. Ein besonderes Kursformat an der KHSB, das in dieser Form in Deutschland noch einmalig ist. Im September 2026 ist außerdem ein Workshop für Lehrende zu dem Seminarformat geplant.
Richter möchte mit dem DICO die Speerspitze beziehungsweise der Hub für den Social Action Ansatz in Deutschland sein und betont die Bedeutung von Community Organizing für die Vermittlung von demokratischen Erfahrungen und Werten.
“Warum glauben wir, dass das wichtig ist? Politische Bildung funktioniert in Schule und Hochschule meistens entweder als Theoriegeschichte oder als Simulation. Beides ist für eine demokratische Grunderfahrung völlig unzureichend. Im Gegensatz dazu bieten die Social-Action-Kurse den Teilnehmenden auf sehr charmante Weise die Möglichkeit, echte demokratische Erfahrungen zu sammeln.“
Aktuell sei das besonders wichtig, da antidemokratische Bestrebungen an Einfluss gewinnen. Gerade jetzt sei es von großem Stellenwert, die Freiheit zu nutzen, sich zu organisieren und “die eigene Stimme zu erheben, um denjenigen, die an der Macht sind, auch deutlich zu machen, ihr seid nicht allmächtig, sondern das ist hier unsere Demokratie, die es zu verteidigen gilt. Ich möchte, dass die Studierenden aus solch einem Kurs rausgehen und sagen: 'Krass, man kann doch was ändern.” entgegen den Erfahrungen, die sie bisher mit ihrer eigenen Handlungsmacht gemacht haben.
Vision
Richters Vision ist, dass alle Studierenden in Deutschland genau solch eine demokratische Grunderfahrung praktisch erleben können. Dafür sucht er aktuell noch Partner, die den Ansatz an weitere Hochschulen bringen. Darüber hinaus kann er sich vorstellen, dass Social Action Kurse auch an Schulen funktionieren.
Auf die Abschlussfrage, warum Community Organizing und der Social Action Ansatz so wichtig im Bildungs- und Hochschulbereich seien, reagiert Richter mit einem Zitat seines ehemaligen Mentors, Prof. Leo Penta: „Community Organizing ist eine lebendige Schule der Demokratie.“ Demokratie müsse gemacht, nicht bloß geschützt werden, Menschen müssen aktiv werden und sie brauchen Struktur, in der sie ihre Handlungsmacht ausüben können.
Seine ganz persönliche Vision ist: „dass das DICO einen wesentlichen Beitrag für ein freiheitlich-demokratisches Leben in Deutschland leistet und dass wir vor allem diesen Gedanken der Freiheit nicht aufgeben.“ Dafür brauche es klare Sprache und ein klares Verständnis von Demokratie und Freiheit und er glaubt, dass das Institut dazu beitragen kann.
Wir danken Andreas Richter herzlich für seine Zeit und die spannenden Einblicke und wünschen ihm viel Erfolg für die anstehenden Projekte!