Forschungsprojekt "Kundenstudie" - Unterstützes Wohnen in Berlin
Der Forschungsbericht zur Berliner Kundenstudie setzt Marksteine für das künftige Wohnen von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung
Seit April 2010 liegt der Abschlussbericht des Forschungsprojekts "Kundenstudie - Bedarf an Dienstleistungen zur Unterstützung des Wohnens von Menschen mit Behinderung" vor. Das Projekt wurde von 2007-2009 an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Monika Seifert und der wissenschaftlichen Mitarbeit von Dr. Birgit Steffens durchgeführt, gefördert von Aktion Mensch. Kooperationspartner waren der Paritätische Wohlfahrtsverband (Landesverband Berlin) und die Eberhard Karls Universität Tübingen (Forschungsstelle "Lebenswelten behinderter Menschen").
Im Mittelpunkt der Studie stand eine mehrperspektivische und mehrdimensionale Analyse der wohnbezogenen Unterstützungsleistungen für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung im Land Berlin. Rund 250 Frauen und Männer mit Behinderung beteiligten sich an Befragungen, Interviews, Workshops und stadtteilbezogenen Praxisprojekten. Als weitere Experten wurden Vertreter der Behindertenhilfe und der Sozialverwaltung sowie lokale Akteure sozialer Einrichtungen und Dienste in die Untersuchungen einbezogen. Die Analyse zeichnet ein differenziertes Bild der aktuellen Strukturen und Entwicklungen im Bereich des Wohnens sowie der Erfahrungen der behinderten Menschen mit den Unterstützungsleistungen und mit dem Zusammenleben im Wohnquartier. Ihre Veränderungswünsche zeigen, dass verlässliche soziale Beziehungen und individuelle sozialraumorientierte Wohn- und Unterstützungsarrangements einen zentralen Stellenwert haben.
Die Forschungsergebnisse werden zu einem Strategiekonzept verdichtet, das im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention konkrete praxisbezogene Maßnahmen auf dem Weg zur Inklusion benennt. Sie betreffen die Ebene des Individuums und seiner Lebenswelt sowie die Ebene des Hilfesystems und des Sozialraums, unter Einbeziehung von behinderten Menschen mit Migrationshintergrund. Durch die Vermittlung theoretischer Prämissen und Leitorientierungen der Behindertenhilfe mit den realen Versorgungsstrukturen eröffnet die Studie neue Entwicklungsperspektiven. Die Empfehlungen knüpfen direkt an das gegenwärtige System der Wohnversorgung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung im Land Berlin an, das sich durch einen großen Anteil ambulant unterstützter Wohnangebote und einen hohen Grad an Differenzierung auszeichnet, der auch spezifischen Hilfebedarfen Rechnung trägt.
Trotz der insgesamt guten Ausgangslage konstatiert die Studie in unterschiedlichen Bereichen erheblichen Handlungsbedarf. Dazu zählen u. a. folgende Aspekte:
- Entwicklung einer Gesamtplanung für das Land Berlin mit klarer Definition sozialpolitischer Zielsetzungen und Schwerpunkte, die Orientierung bei der Weiterentwicklung der Angebote bieten;
- Erarbeitung von Instrumenten und Konzepten für individuellere und sozialraumorientierte Formen des Wohnens;
- Umsetzung von sozialraumorientierten Strategien zur Verbesserung der sozialen Einbindung von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung in das Gemeinwesen;
- Verbesserung der Zugänglichkeit von stadtteilbezogenen allgemeinen Angeboten (z. B. im Bereich von Freizeit und Kultur) für Menschen mit Behinderung;
- strukturelle und konzeptionelle Öffnung der Behindertenhilfe in den Sozialraum;
- verstärkte Einbeziehung bürgerschaftlichen Engagements;
- interkulturelle Öffnung von Einrichtungen und Diensten durch Kooperation und Vernetzung zwischen der Behindertenhilfe und Migrantenorganisationen;
- Entwicklung von Finanzierungsmodellen zur Realisierung sozialraumorientierter Arbeit mit Menschen mit Behinderung;
- systematische Mitwirkung von Vertretern der Behindertenhilfe an regionalen Planungen;
- Realisierung der Partizipation von Menschen mit geistiger Behinderung in Gremien der Behindertenhilfe und der Kommunen i. S. politischer Teilhabe;
- Unterstützung der Bildung von bezirklichen Selbstvertretungsgruppen für Menschen mit geistiger Behinderung bzw. Lernschwierigkeiten.
Die Erkenntnisse der "Kundenstudie" zeigen nachdrücklich, dass die Umsetzung der Leitorientierung der UN-Behindertenrechtskonvention, die "vollständige und wirksame gesellschaftliche Partizipation und Inklusion" (Art. 3 BRK), bei allen Beteiligten Veränderungen im Denken und Handeln erfordert auf der Basis einer politischen Strategie in ressortübergreifender Verantwortungspartnerschaft. Der Forschungsbericht gibt vielfältige Impulse, wie die Stadt " als lernendes System" sich der Vision einer inklusiven Stadt annähern kann. Er hat für die Weiterentwicklung der Strukturen und Prozesse nicht nur der Behindertenhilfe bundesweite Bedeutung.
Seit Juli 2010 ist die Studie als Buch erhältlich:
Monika Seifert: KUNDENSTUDIE - Bedarf an Dienstleistungen zur Unterstützung des Wohnens von Menschen mit Behinderung. 420 Seiten. DIN A4. Hardcover.
ISBN 978-3-941216-28-0. Preis: 35,00 Euro. Rhombos-Verlag, Berlin 2010.